Mut zum Kind

Kolumne von Eva Unterburg

Neulich stolperte ich über folgende Sätze: „Ich wollte immer Mutter sein. Es wird mich dazu anregen, über Vergäng­lichkeit und Verlustängste zu schreiben. Denn es gibt nichts, was mehr Mut erfordert, als sich dieser Verbundenheit auszuliefern. Das Kind macht mich unheimlich verwundbar.“
Die deutsche Popsängerin Judith Holofernes sprach so im Interview mit dem Stern (Nr.21/2007) über ihren damals etwa sechs Monate alten Sohn Friedrich.
Sehr berührend finde ich. Mut und Kind – eine spannende Kombination. Auch sprachlich, das Wort Mut hat wie diese Zimmerpflanze, die in jeder Studenten-WG als unkaputtbar gilt, richtig viele Ableger.
Viele Paare brauchen jede Menge Langmut, um nicht den Mut zu verlieren, wenn sie über Jahre trotz redlicher Bemühungen nicht schwanger werden. Mit einem gefüllten Becherchen in der Hand aus einem Minizimmer zu treten und dabei völlig unbeteiligt dreinzublicken, kann einer echten Mutprobe gleichen. Zumal das mit viel Bedacht ausgewählte neutrale Türschildchen nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass dort im klinisch aufgeräumten Kabuff ein Stapel anregender Magazine seiner angedachten Aufgabe nachzugehen versucht.
Ist man dann dank moderner Medizin endlich guter Hoffnung, sieht man dem wachsenden Kindelein guten Mutes entgegen. Aber was ist, wenn die Zelle übermütig war und sich lustig weitergeteilt hat? Dann heißt es mit Demut in die Planung gehen und in logistischen Meisterleistungen Listen zu erstellen, wer wann welchen Kinderwagen ausfahren wird und sich wagemutig ins Windeleldorado begibt.
Wer in den letzten Wochen ein kleines Menschenjunges zur Welt gebracht hat, ist vielleicht nach dem Skype-Anruf mit den Eltern etwas traurig zumute, weil die Sehnsucht übermächtig ist, den Großeltern das Baby endlich zum ersten Mal in den Arm legen zu dürfen.
Überhaupt gehört zu jeder Zeit jede Menge Mut dazu, sich unter der Geburt den Wehen hinzugeben und dem Wunsch, einfach heimzugehen nicht sofort nachzukommen. Soll doch jemand anderes weitermachen und das Kind bekommen!
„Nur Mut!“, so manche Gebärende hätte gerne bei dieser mutmachenden Aufforderung zum Weiterpressen ihrem Partner gerne Gewalt angetan, was der immensen Anstrengung und der situationsbedingten Reduzierung der Persönlichkeit auf das Stammhirn geschuldet ist.
Mit dem Mut der Verzweiflung kommt die ganze Sache in den allermeisten Fällen zu einem guten Ende und der seelig lächelnde Partner am Wochenbett verzeiht großmütig die temporären Ausfallerscheinung seiner Liebsten.
Andere überlegen, sind wankelmütig, soll man jetzt Kinder in die Welt setzen? Klimawandel, Pandemie, wachsender Nationalismus, mutwilliger Raubbau an der Natur – das kann wirklich aufs Gemüt schlagen oder gar schwermütig machen.
Dann heißt es sich gegenseitig Mut zu machen, den Hochmütigen, etwas entgegen zu setzen und der Mutlosigkeit den Kampf anzusagen.
Judith Holofernes hatte Recht: um sich ganz auf ein Kind einzulassen, muss man all seinen Mut zusammennehmen. Es ist eines der größten Abenteuer unseres Lebens, diese sanftmütigen kleinen Wesen auf der Welt zu begrüßen und dieses Geschenk darf man mit Wagemut annehmen.
PS: Mist, die Kolumne ist zu Ende und zwei Mut-Ableger sind noch übrig…
Also dann so: Lassen Sie in diesen Zeiten den Mut nicht sinken und fassen Sie bitte selbigen neu.