Marie und Ben von Humboldt

Kolumne von Eva Unterburg

Kennen Sie das auch? Sie wollen schnell noch einen Liter Milch und ein Brot kaufen und der Weg zum nächsten Laden ist eigentlich nur drei Gehminuten entfernt. Eigentlich ja, uneigentlich nein.

Denn Ihre Gehminuten stimmen keineswegs mit denen Ihres kleinen Forschers neben Ihnen überein, der sich nach jedem noch so kleinen Kieselsteinchen bückt und den Fund mit einem strahlenden Lächeln präsentiert, als habe er einen Rohdiamanten ungeahnter Größe geborgen.

Ob Moose, Flechten, Eicheln, nichts entgeht den konzentrierten Kinderaugen.

Schneckenhäuser mit und ohne Bewohner, dafür gerne mit übel riechendem Schmodder drin, abgefallene Eidechsenschwänzchen im fortgeschrittenen Zerfall begriffen, Stöckchen, Zapfen aller Art, Blümchen sowieso, am besten mit der Wurzel liebevoll aus der Erde gezerrt: Sie könnten mit all den Funden ein kleines Biologielabor eröffnen und eine respektable Feldforschung betreiben, die die tatsächliche Fauna und Flora Ihrer unmittelbaren Umgebung recht genau abbilden würde. Warum also schickt man prüfungsgestresste Biologiestudenten los, um die Spinnenpopulation zu zählen oder das Vorkommen von Pilzen im Laubwald zu untersuchen? Menschen im veritablen Kleinkindalter sind die besseren Experten, verfügen über die nötige Kontemplation und die funktionstüchtigeren Augen.

In jedem Kind, das ab und zu an die frische Luft kommt, steckt ein kleiner Alexander von Humboldt: alles wissen wollen, überall raufklettern, alles einsammeln, in unwegsames Gelände vordringen, Dinge essen, die nicht essbar sind… Erkennen Sie Ihre kleine Marie oder den kleinen Ben wieder? Auch wenn Ihre Marie vielleicht Emma heißt und Ihr Ben eher ein Finn ist, ich habe Recht oder?

Vielleicht nicht ganz, denn welches Kind probiert schon das Zittern eines Zitteraals am eigenen Leib aus oder nimmt ein Häppchen des Pfeilgiftes Curare zu sich, nur um zu beweisen, dass letzteres nur in Verbindung mit Blut tödlich ist? Da lob‘ ich mir den Schneckenhausschmodder, danach fällt man wenigstens nicht tot um.

Um Ihrem Kind ein ganz besonderes Entdecker-Outdoorvergnügen zu bereiten, muss es nicht gleich der Orinoco sein und statt des Humboldtschen Gefährtes – er ließ sich in einem ausgehöhlten Baumstamm den Fluß runter treiben – tut es auch ein Plastikkanu auf der Nagold, aber bitte nur mit passender Schwimmweste vom Kanuverleih. Diese Westen riechen übrigens immer ganz merkwürdig, wenn man sie in Erwartung des kommenden Sanftwasser-Vergnügens freudig überstreift.

Humboldt war der frühe Messner, nur mit dem Unterschied, dass Reinhold den Sauerstoff freiwillig verschmähte und Alexander einfach nicht anders konnte, als ohne ihn den damals höchsten bekannten Berg zu erklimmen. In Frack, weißer Halsbinde und dünnen Lederstiefelchen auf über 5000 Meter, noch dazu ohne Bergsteigerausrüstung, aber dafür mit Nasenbluten und Höhenkrankheit – Respekt!

Für Ihre kleinen Humboldts zuhause schlage ich eine weniger waghalsige Expedition auf den Karlsruher Hausberg vor. Oben angekommen belohnt eine grandiose Aussicht, ein leckeres Eis und ein großer Spielplatz mit Klettergarten die kleinen Entdecker. Frack und Halsbinde können Sie getrost daheimlassen, nur ein paar Gläser mit Schraubverschluss wären gut, schließlich müssen all die Zapfen, Kieselsteinchen und Schneckenhäuser heil nach Hause gebracht werden.