Leserbrief: Kinder sind die Leidtragenden

Gespannt saß das Leitungsteam der KinderSpielHaus gGmbH am 16. Juni vor dem PC, um dem Livestream der Pressekonferenz zu folgen. Schon vorher war bekannt geworden, dass die Kitas unter Bedingungen wieder vollumfänglich öffnen dürfen. Zunächst machte sich eine große Erleichterung breit, dass nun für alle Kinder das Abstandgebot aufgehoben werden soll und die Gruppen wieder in normaler Größe betreut werden dürfen. Doch schon einen kurzen Moment später realiserten Petra Roolf, Träger der gemeinnützigen GmbH und Clara Malsam, Leitung der Kita Alte Lackfabrik, was die Landesregierung hier verkündet hatte.

„Da ist es logisch, das Abstriche gemacht werden müssen“ eröffnete Ministerpräsident Winfried Kretschmann die Rede von Kultusministerin Susanne Eisenmann bezüglich der Kitas. Um welche Abstriche es hierbei genau geht, erläuterte dann die Kultusministerin: Für das gesamte nächste Kindergartenjahr darf der Mindestpersonalschlüssel um 20% unterschritten werden und sogar noch weiter, wenn man pädagogisch ausgebildetets Personal durch andere Kräfte ersetzt. Zusätzlich dürfen nach Absprache mit dem Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) die Gruppen vergrößert werden und auch Räume genutzt werden, die bisher nicht für die Kinderbetreuung gedacht waren. „Damit muss es und ist es den Trägern möglich alle Kinder […] zu betreuen“ betonte die Ministerin. Es geht also nur noch um Betreuung? Egal mit welchem Personal, egal in welchen Räumen, nur noch die Aufsichtspflicht und die Sicherheit für Kinder und Beschäftigten muss gewährleistet sein.

Ist es das, was Kinder brauchen? Ist es das, was Eltern sich gewünscht hatten? Wollen wir als Kita so arbeiten? In vielen Dokumenten und Stellungnahmen lesen wir, dass sich die Träger diese Flexibilisierung gewünscht haben?

Hiervon möchten wir uns – als kleiner Träger von drei Kindertagesstätten in Karlsruhe ­– ganz klar distanzieren. In den drei Einrichtungen werden wir nicht auf unausgebildetes Personal zurück greifen. Wir werden unsere bewusst kleinen Gruppen nicht aufstocken, nur um Kinder zu betreuen. Eine Kita ist ein Lern- und Lebensumfeld für die Kinder. Ein Jahr auf Qualität zu verzichten, bedeutet für die Kleinsten unserer Gesellschaft, dass ihnen ein ganzes Jahr der individuellen Förderung genommen wird.

Direkt nach der Bekanntgabe der Kitaöffnung zum 29.06. hat sich das Netzwerk der Karlsruher Kindergärten in der Nordstadt und der angrenzenden Kitas getroffen. Trägerübergreifend waren sich die Leitungen, der hier ansässigen Einrichtungen einig, dass ganz schwierige Zeiten auf sie zukommen.

Nicht nur, dass die personelle Situation Herausforderungen mit sich bringt. So ist auch ganz klar, dass nur wenige Einrichtungen unter den Pandemiebedingungen ihr gewohntes Konzept arbeiten können. Gibt es heutzutage noch klare Gruppenstrukturen? Wir haben jahrelang dafür gearbeitet, dass sich Kitas öffnen. Es gibt Themenräume, wie Bibliothek oder Werkstatt, es gibt gruppenübergreifende Aktivitäten, manch eine Kita arbeitet offen oder teiloffen, so dass Kinder ihrer individuellen Bedürfnislage folgend, Spielpartner und Bildungsbereiche wählen können. All dies ist nun nicht mehr möglich.

Je nach Konzeption werden sich einige Einrichtungen komplett umstrukturieren müssen, um die Kinder betreuen zu können. Eltern werden sich damit abfinden müssen, dass sie ganz bewusst eine Kita mit genau dieser Konzeption gewählt haben und nun nicht mehr erhalten, was sie vertraglich zugesichert bekamen.
Wir werden nicht auf Kosten der Kinder auf Qualität verzichten.
[…]

Susanne Eisenmann unterschrieb ihren letzten Brief mit den Worten „Einen aufrichtigen Dank für ihren unermüdlichen Einsatz“. Wir hätten uns gefreut, sie hätte näher hingeschaut, welchen Einsatz genau die Kitas täglich leisten und was für die Umsetzung nötig ist.

 

Petra Roolf, Karlsruhe