Kinderzimmer in Dreiraumwohnung

Kolumne von Eva Unterburg

Grafik: Günter Land

Die waren damals zu DDR-Zeiten ein begehrtes Gut im Wohnungshimmel, denn in solch ein Zuhause einziehen zu können, bedeutete nicht nur, ein Wohnzimmer und ein Elternschlafzimmer mit Möbeln ausstatten zu können, sondern auch ein Kinderzimmer. Die Betonung liegt auf EIN!

Ich erinnere mich noch gut an eine frühere Nachbarskinderfreundschaft. Wenn Claudia und ich nicht wie gewohnt bei Wind und Wetter draußen auf der Straße, in den jeweiligen Gärten oder beim Bauern um die Ecke auf den Feldern spielten, konnte es vorkommen, dass wir uns bei ihr Zuhause im Kinderzimmer trafen. Auch ihre Familie bewohnte eine Dreiraumwohnung, die gab es auch in der damaligen BRD, allerdings hieß sie Dreizimmerwohnung. Besagtes Kinderzimmer bewohnte sie mit ihrem kleinen Bruder Andreas und es war eingerichtet mit einem Stockbett und einem Schrank. Dort waren sowohl die Kleidungsstücke der beiden, als auch ihre Spielsachen untergebracht. Zum Spielen wurden die Betten oder der Teppichboden genutzt. Ich fand das großartig, allerdings nur so lange, bis der kleine Bruder partout mitspielen wollte und sein Bleiberecht lautstark kundtat, was wiederum die Mutter der beiden Kinder auf den Plan rief und anhand des folgenden Wortwechsels erkennbar wurde, dass dies kein neues, gerade erst aufgetretenes Familien-Szenario war.

Ich verabschiedete mich innerlich recht schnell von dem glorifizierten Teppichbodenidyll und nahm meine Freundin mit über die Straße zu uns. Dort gab es kein cooles Stockbett, sondern nur die alten Möbel meiner Omi aus schwerer voller Eiche Marke Gründerzeit. Sogar mit Waschkommode, die ich wegen der beiden Klappspiegel zum Schminktisch umdeklarierte, obwohl es mit neun noch nicht viel zu schminken gab. Alles wenig kindgerecht, zu wuchtig, zu altbacken und extrem uncool. Die zahlreichen Poster an den Wänden täuschten nicht über den Charme eines Fremdenzimmers im Allgäu der 60er Jahre hinweg; Privatpension versteht sich, ohne fließend Warm-wasser und mit Abortbenutzung über dem Gang.

Nun ja, dafür war es mein Zimmer, mein alleiniges und musste nicht mit meinen älteren Brüdern geteilt werden. Die hätten mir etwas gehustet, wenn sie abends Schmachtfetzen von Smokie aus ihrem abgelegten Cassettenrecorder hätten hören müssen, statt ihre megapsychodelischen Pink-Floyd-Platten.

Apropos abgelegt: Das waren Sternstunden der Kindheit, wenn meine Brüder ausmisteten, wie sie das ruckartig auftretende Extremaufräumen nannten, das meist mit dem angedrohten Besuch einer neuen Freundin in Verbindung stand. Dann gingen wahre Schätze in meinen Besitz über, die ich zum Teil bis heute hüte.

Als unsere Kinder klein waren, hatten sie beide ein eigenes Kinderzimmer, was zum Glück in unseren jeweiligen Domizilen immer möglich war. Wehe, wenn nicht… Ich fürchte der biblische Brudermord zwischen Kain und Abel hätte sich bei uns wiederholt. Was sie allerdings nicht hatten, war ein detailreich farblich und inhaltlich abgestimmtes Raumkonzept. Ähnlich wie es heute in den gängigen Nachmittagssendungen im Fernsehen als must have für ein traumafreies Aufwachsen der lieben Kleinen von ausgebildeten Innenausstattern Schritt für Schritt dem staunenden Zuschauer präsentiert wird. Als krönenden Abschluss führt man das völlig ahnungslose Kind mit verbundenen Augen in sein neues Pferde- Prinzessinnen- oder Piratenzimmer, wo es sofort unter vielen Aahhs und Ooohs und mit vor den Mund gepressten Händen sein neues Reich erkundet. Dem immer noch verblüfften Zuschauer wird das mit Glitzerstaub á la David Hamilton-Film umrahmte Bild des neuen bunten Kinderzimmers gezeigt, dazwi-schen immer wieder das vorherige Chaos, in dem das arme Würmchen bisher hausen musste, selbstverständlich in Schwarz-Weiß. Im Geiste hört man grausige, an den Nerven zerrende Filmmusiksequenzen mit disharmonischen Violinen.

Ich sehe das und denke mir, dass die Kinderzimmer unserer Kinder exakt so aussahen. Ein Bett aus Kiefernholz, jede Menge Regale, die sich ob der vielen gestapelten Bücher mittig bedenklich durchbogen, der Teppichboden besiedelt von allerlei Playmobil- und Legolandschaften, einen ansatzweise zum Bett passenden Schrank (Kiefer passt sich allem an) und allerlei bunten Postern und Bildern an der Wand, die am Schreibtisch (aus dem nächstgelegenen Baumarkt, Kiefer versteht sich) fortlaufend entstanden. Bestimmt hätte den beiden in einer sehr kurzen Phase ihrer langen Kindheit ein Piratenzimmer  ausgesprochen gut gefallen. Und dann? Eine Dinosaurierhöhle mit nachgebautem Eigelege als Schlafstatt? Eine coole Paintball-Anlage mit Schießscharten am Bett? Ein I-Max-Kino mit Popcorn-Automat? Oder vielleicht ein Rechenzentrum oder das Interieur eines Apple-Stores?

Bin ich froh, dass es solche Sendungen damals noch nicht gab und unsere Jungs sich all das mit Hilfe von Decken, Hockern und gemalten Pappkulissen selbst herstellen konnten, ohne dass ich in Zugzwang gekommen wäre, weil ich meine Kinder unter menschenunwürdigen Kinderzimmerzuständen habe aufwachsen lassen.