KiddyCoach Gerhard Spitzer über kindgerechtes Lernen in der Reisezeit

Ackern für den Urlaub?

Der bekannte Wiener Verhaltenspädagoge und Erfolgs­autor Gerhard Spitzer, Gründer des Vereins KiddyCoach und Autor von „Entspannt Erziehen“ ist bekannt durch seine humorvollen Vorträge zum Thema

Reisezeit – Urlaubszeit! Dieses tolle Ereignis, das in den meisten Familien ja nur etwa ein- bis zwei Mal im Jahr eintritt, soll jedes Familienmitglied von Herzen genießen. Gut so! Doch halt! Darf das auch uneingeschränkt für den Nachwuchs gelten? Besteht da nicht bei manch einem Junior oder Prinzessin eine Portion Nachholbedarf für die Schule? In diesem Fall muss wohl einer ran – auch wenn sich alle anderen im Reisemodus befinden. Immerhin eine gerechte Sache: Die braven Eltern haben ein hartes Arbeits-Halbjahr hinter sich, da dürfen die „schlimmen“ Kleinen nicht das FS-Syndrom schieben. Sie wissen ja: FS, gleich „Faulsack“!

Schöne Überraschung

Auch Rupert F., Vater des zehnjährigen Max, findet es nicht richtig, dass sein Filius sich während der gesamten Urlaubreise nach Gran Canaria auf seinen schlechten Zensuren ausruht: „Der Junge wird sich gefälligst anstrengen und Mathe büffeln!“, denkt Rupert, und findet den Deal gut durchdacht: „ich zahle den netten Urlaub, und Max ackert!“ Gesagt, getan: Papa Rupert hat für seinen Filius gleich am ersten Tag im schönen Hotelzimmer mit Meeresblick eine noch schönere Überraschung parat. Anstatt einer neuen Taucherbrille liegen plötzlich Mathe-Übungsbuch und Schularbeiten-Heft auf dem Tisch. Beide Utensilien hat Paps klammheimlich mitgenommen. Was für ein fieser Plan! Jetzt legt er alles dem völlig geplätteten Max vor die Nase und hat dazu auch gleich einen urlaubsgerechten Text auf Lager: „Erstmal wird gelernt! Vorher gibt es sicher kein Stranderlebnis! Punktum!“

Druckvoller Auftrag

Die Gedanken von Max über diesen fiesen druckvollen Arbeitsauftrag von Papa kann ich hier unmöglich öffentlich wiedergeben. Treue Leser meiner Kolumne wissen ja schon: Mit Druck geht so gut wie gar nichts. Auch nicht im Urlaubs-Modus. Weder in puncto Lernfreude, noch in Bezug auf das, was hängenbleiben soll: Druck erzeugt natürlichen Stress und der wiederum killt schlichtweg nahezu jede Merkfähigkeit. Fachleute sprechen von Gedächtniskonsolidierung.

Plan B

Angesichts der wenig urlaubskompatiblen Stimmung wäre ein Plan B wohl jetzt der beste Plan. Und der geht bei mir mal wieder, wie gewohnt, in eine gleichermaßen wertschätzende, wie entspannende Richtung! Darum nehmen wir diesmal wieder „kindgerechtes Lernen“ mit ins Reisegepäck.

Mit anderen Worten: Wenn es schon unbedingt notwenig erscheint, auch während einer Urlaubreise schulische Lerninhalte zu vertiefen – was ich nicht per se schlecht finde – dann vielleicht besser auf die Art, wie Hubert und Maria, die Eltern des neunjährigen Johannes es machen.

Brezel-Rätsel

Papa Hubert hat schon im Flugzeug eine nette Gelegenheit entdeckt, um die Rechen-Schwäche seines Sohnemannes zu verringern: Die paar Salzbrezeln in den mickrigen Packungen, die man in Flugzeugen meistens geliefert bekommt, müssen dafür herhalten.

Papa hat vier Packerln geöffnet und die wenigen Brezeln gezählt. Jetzt gibt es für Johannes einen geheimen Auftrag zum gerechten Aufteilen und Umsortieren. Klar: Dividieren und Malrechnen. Im Kopf natürlich! Dann wird es noch spannender: Paps lässt eine gewissen Anzahl Brezel in einem leeren Becher verwinden: Johannes soll nun Detektiv spielen und herausfinden, in welchen Packungen wie viele Brezeln fehlen und wie man das wieder gerecht verteilen kann, damit Susi, die kleine Schwester, zwei Stück mehr erhält, als alle anderen, und so weiter. Sohenmann Johannes versteht das als Auftrag von seinem Vater, der natürlich auch fleißig mitzurechen scheint. So macht das gemeinsam Spaß und Johannes verteilt munter Knabberzeugs, während er schlicht und einfach seine Fähigkeiten im Kopfrechnen verfeinert. Jetzt darf Johannes dazu sogar eine eigene Textaufgabe erfinden und klein Susi erklären. Das erfordert so was von Geduld! Aber Johannes macht das mit rührender Hingabe …und merkt nicht einmal, dass das Flugzeug schon zur Landung ansetzt!

Aber nicht der Flug ist kurzweilig geworden. Hubert weiß genau: Jetzt, wo sie zwei Wochen ständig Zeit für einander haben, wird das ein entspannter Übungsurlaub für Maxens graue Zellen, solange der Spaß an solchen Aufgaben nicht abklingt. Später wird er vielleicht genauso Spaß an schriftlichen Mathelösungen haben. Einfach deshalb, weil es ihm nicht mehr schwer fällt! Ein gutes Gefühl, während der Zeit des Reisens etwas Nachhaltiges für sein Kind geleistet zu haben. Und das alles ohne jeden Druck…

Schlüssel zum Erfolg

Appetit bekommen? Gut so! Schluss mit dem Lerndruck im Reisemodus. Genießen Sie diese wertvolle Zeit gemeinsam mit Ihren Kindern. Aber seien Sie kreativ und verpacken sie die eventuell notwendigen schulischen Aufholbedürfnisse in spannende Natur- und Umgebungs-Erlebnisse. Das Schöne daran: Wenn Sie mit offenen Augen durch die noch unbekannte Urlaubs-Landschaft gehen und dabei immer wieder die überall vorhandenen „Inputs“ in Form von Zahlen, Begriffen oder „Geheimnissen“ aufgreifen, macht das sicher auch Ihnen selber Spaß! Das ist auch schon der Schlüssel zum Erfolg: Solange Ihre Basisbeziehung intakt ist, geschieht etwas ganz Wunderbares, das sich auch mit viel Mühe gar nicht verhindern lässt: Was Ihnen selbst Spaß macht, das erfreut auch Ihr Kind! Ganz besonders im entspannten Urlaub! Der Lern-Erfolg stellt sich dann von ganz alleine ein…

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