Haare

Kolumne von Eva Unterburg

Grafik: Raphael Becker

Ich bin immer wieder überrascht, wie wandlungsfähig die Mehrheit der Deutschen doch ist. Gerade waren wir noch zu tausenden kenntnisreiche Virologen, jetzt erproben sich ganze Heerscharen mutig an der Schere. Manche mit den guten Tipps befreundeter Friseure via Telefon versehen, andere Videos aus dem Netz nachahmend und der Rest aufs grade Wohl hin, der vermeintlich inneren Führung folgend.

Wohin letzteres führen kann, kritisieren immer mal wieder unsere längst erwachsenen Söhne beim Betrachten ihrer Kinderfotos. Was hat mich nur geritten, die damals öffentlich zugänglichen Friseursalons nicht mitsamt dem zu kürzenden Kinderhaar zu betreten? Dieses Selbsthandanlegen sah ganz schlimm aus! War es elterliche Hybris nach dem Motto „Ich weiß ganz alleine, was gut für mein Kind ist“?

War es um Geld zu sparen? Oder gar das großelterliche Vorbild? Meine Mutter verwahrte im Küchenschrank ein kleines Holzkästchen, darin diverse scharfe und nicht so scharfe Scheren und ein Instrument, das sehr an etwas erinnerte, womit man Schafen ihren Wintermantel entfernen kann im fernen Irland. Dann gab es diesen Umhang, in den der Delinquent eingewickelt wurde, selbstgenäht und einer Kaiserrobe würdig von den Ausmaßen her. Es schaute wirklich nur noch der behaarte Kopf raus, der Rest meiner Brüder verschwand auf wundersame Weise vor meinen Kleinmädchenaugen.

Dann nach vielen „Kopf bitte vor“, „Hier am Ohr muss noch was weg“ und „Jetzt halt doch mal still bitte“, kam der Umhang beherzt mit einem Schwung weg, wurde der Nacken ausgepustet und die Ausbeute auf dem Kehrblech wie eine Trophäe vorgezeigt. Stolz war nur meine Mutter, die Jungs trotteten etwas fehl am Platz zum Spiegel und besahen den Einheitsschnitt. Wohl in der Hoffnung, dass sich alles irgendwann auswächst und Mützen zumindest draußen manches verdecken können, nahmen sie gelassen hin, was ohnehin nicht mehr zu ändern war.

Vielleicht wären sie gerne an meiner Stelle gewesen, lange Zöpfe muss man nicht ständig schneiden und ich war tatsächlich zum ersten Mal an meinem Hochzeitstag beim Friseur. Klingt sehr nach plattem Land, ich weiß. Die Kinderbilder meiner Brüder sehen kopfmäßig sehr mäßig aus und ich hätte es also wissen müssen. Offenbar waren die Gene stärker und ich trat wider besseres Wissen in die Fußstapfen meiner Mutter. 

Heute kann man ja etwas kokettierend mit den verschnittenen Frisuren seiner Kinder auf die Coronazeit verweisen oder die stumpfe Haushaltsschere für mangelndes Formempfinden verantwortlich machen. Ich habe im Nachhinein keine wirkliche Entschuldigung für den Pony des Grauens oder die Barthaarscherköpfe unserer Söhne damals. Gestern versuchte ich es wieder – mein 94-jähriger Vater, ein geduldiger und dankbarer Delinquent, der mit stoischer Ruhe seine merkwürdigen Stufen im seitlichen Deckhaar lobte und sich über den ausrasierten Nacken freute.

„Richtig frisch dahinten“ kommentierte er den etwas zu hoch gerutschten Ansatz. Die entzückende Friseurin, die hoffentlich bald wieder im Altenheim ihren kleinen Salon betreiben darf, wird jede Menge zu tun haben, um das Silberhaar in eine respektable Form zu bringen.

Bis dahin schneiden wir alle einfach munter weiter.