Das Hamstersyndrom

Kolumne von Eva Unterburg

Grafik: Günter Land

In den weisen Fabeln der Alten kommen immer wieder Tiere vor, die ordentlich für den Winter vorsorgen mit Nüssevorräten in Baumlöchern und prall gefüllten Speisekammern in Erdhöhlen. Ihnen stehen lustig gestimmte Grillen gegenüber, die leichtfüßig und ohne Mühen durch den Sommer fideln und keine Lust haben auf mühselige Sammelei.

In diesen Tagen wünschte ich, meine betagten Eltern wären etwas weniger Hamster oder Eichhörnchen in ihrem Leben gewesen und etwas mehr sorglose Grillen. Zugege-bener-ma-ßen machten es das Aufwachsen in Nazideutschland und eine Jugend im Kriegswahnsinn nicht gerade leicht, dem Leben vertrauensvoll entgegenzusehen. Aber jeden krummgehauenen Nagel hätten sie nicht 70 Jahre aufheben müssen.

In Zeiten der Mülltrennung ist ein Haus, das bis unters Dach mit Dingen vollgestopft ist, die man eventuell noch brauchen könnte, wahrlich kein Segen für die kommende Generation. Seit ich meine Freizeit mit dem Sortieren von Papierbergen verbringe, gehe ich zuhause mit anderen Augen durch die Räume.

Vom Hamstergen meiner Eltern habe ich leider ein Riesenstück geerbt. Muss wirklich jede Bastelei aus der Kindheit unserer Söhne aufgehoben werden, auch wenn der Kleber schon seinen Geist aufgegeben hat und der Gilb schon lange seine verblassende Arbeit aufgenommen hat? Muss das Babylammfell für etwaige Enkel bereitliegen? Eigentlich nicht, aber es riecht doch so lecker nach unseren Kindelein, selbst nach fast dreißig Jahren…

Neulich fand ich bei meinen halbherzigen Aufräumaktionen im Musikzimmer ein erstes Notenheft unseres Sohnes. Er war vier und in der musikalischen Früherziehung. Ich fand zauberhafte Malereien zu „Peter und der Wolf“ und erste lustige Noten, die sich wie dicke Spatzen wackelig auf der Oberleitung festkrallten. Das schnell verschickte Foto an den damaligen Hoffnungsträger einer musikalischen Karriere zeigte sofortige Wirkung: „Kannst Du das bitte für mich aufheben?“ Na prima, das Hamstergen hat es bis in die übernächste Generation geschafft. Mendel wäre begeistert.