Brief an meine Enkeltochter

Leserbrief von Hans Joachim Zehender

Liebes Milchen,

am 26. Mai war Europawahl! „Was habe ich damit zu tun, ich darf ja noch nicht wählen“ – wirst Du mir sagen. Stimmt, aber es geht auch um Deine Zukunft. Daher habe ich Deine Eltern aufgefordert, wählen zu gehen.

Egal welche demokratische Partei, ob rot, grün, gelb oder schwarz – aber sie sollten wählen. Natürlich nicht die Populisten, denn die haben es immer noch nicht verstanden, dass es Zufall ist, wo der Klapperstorch einen absetzt. Stell Dir vor, du wärst 25 km westlicher geboren, dann wärst du eine Französin. Du wärst aber immer noch eine liebenswerte Person und ich hätte dich immer noch lieb.

Was heißt Europa? • FRIEDEN – für alle das Wichtigste: Noch nie haben wir in Europa so eine lange Phase des Friedens gehabt. Wir kennen Kriege gottseidank nur aus dem Fernsehen oder sozialen Netzwerken.

• FREIHEIT: Ende der 70er bin ich öfter zum Schüleraustausch und Sportveranstaltungen nach Frankreich gereist. Sehr häufig wurden wir als „Boche“ bezeichnet (französisches Schimpfwort für Deutsche). Heute hört man den Begriff fast nicht mehr im Französischen Sprachgebrauch. Auch kannst Du Dir nicht vorstellen, was es hieß, die Grenze zu überqueren. Staus und Wartezeiten waren an der Tagesordnung. Wenn man Pech hatte und der Zöllner einen schlechten Tag, wurde das komplette Auto ausgeräumt und kontrolliert. Unsere Surfbretter wurden bei der Einreise erfasst und bei der Ausreise wieder kontrolliert, ob es noch die gleichen sind. Geld musste zum Teil mühsam und teuer gewechselt werden. Heute ist das alles kein Thema mehr – heute können wir überall hin. Es sind Freundschaften über die Grenzen entstanden – unter Menschen. Mit Frieden und Freiheit ist es wie mit Schokolade und Gummmibärchen – wenn sie vorhanden sind, fragt keiner mehr, woher sie eigentlich kommen.

Natürlich hat Europa seine Schwächen. Aber was überwiegt? Frieden und Freiheit sind doch das höchste, was man geschenkt bekommen kann.

Deshalb: fordere Deine Eltern auf, zur Wahl zugehen. Geben wir den Populisten, die schon wieder an der Lunte zündeln, keine Chance.

Dein Dich liebender Opa
Hans Joachim Zehender