Amazon versus Einzelhandel

Betrachtungen von Sarah Nagel

Sarah Nagel

Doch heute bringen längst nicht mehr der Weihnachtsmann oder  das Christkind die Geschenke – sondern Internet Riesen wie Amazon.

Und ist es nicht auch praktisch? Anstatt sich vor den eh schon stressigen Festtagen die Hacken in der Fußgängerzone abzulaufen, können die Eltern mit dem Handy bequem von der Couch aus die Präsente für den Nachwuchs direkt ins Haus bestellen. Was für eine Erleichterung! Schließlich ist die Zeit knapp – das ganze Jahr über, aber besonders an Weihnachten. Die Menschen sind es mittlerweile gewöhnt, sich online alle Bedürfnisse innerhalb von (maximal) 24 Stunden zu erfüllen.

Wie war das vor wenigen Tagen? Es duftete nach Plätzchen, Lichterketten schenkten festlichen Glanz, und Kinderaugen leuchteten in freudiger Erwartung auf die langersehnten Geschenke. Eifrig wurden Wunschzettel an den Weihnachtsmann oder das Christkind geschrieben. Denn die wissen ganz genau, wie das neue Fahrrad aussehen soll oder welche Playmobilfgur noch fehlt…

Doch jeder Klick (oder Befehl über intelligente Sprachcomputer wie „Alexa“) hat weitreichende Folgen. Eine davon: die Schwächung des regionalen Einzelhandels. Längst beherrschen fast nur noch große Ketten die Innenstädte – Inhabergeführte Läden sind selten geworden.

Das liegt an Faktoren wie den steigenden Mieten, aber eben auch an den Online-Giganten. Amazon zum Beispiel, der größte Internethändler der Welt, fährt ein ausgeklügeltes Konzept: Der Technologiekonzern entwickelt so viele Dienstleistungen, dass er möglicherweise bald die wichtigsten alltagsrelevanten Vorgänge kontrolliert. Streaming aller Art, digital gesteuerte Supermärkte, Warenlieferung per Drohne, Clouddienste, Finanz und Versicherungsdienstleistungen, Autokäufe, all das ist im Gespräch – oder schon längst Realität. Von den Investitionen in künstliche Intelligenz ganz zu schweigen.

Das Erfolgsrezept von Amazon: All das wird miteinander verzahnt, sodass der Kunde möglichst wenig Aufwand hat. Und ist es nicht auch praktisch, wenn der Kühlschrank sagt, welche Lebensmittel langsam zur Neige gehen (oder gleich eigenmächtig bei Amazon nachbestellt)? Im Austausch für persönliche Daten wird das Kundenbedürfnis nach Service maximal erfüllt.

Wie will man da als Inhaber eines kleinen Geschäftes noch mithalten? Wie dem Kunden schmackhaft machen, die Geschenke in der Stadt zu kaufen? Hannah Stork ist Mitinhaberin des Karlsruher Kinderladens „Kinderglück“, der seit über 25 Jahren existiert. Sie hat es bisher geschafft, dem Online-Handel zu trotzen – und setzt dabei auf verschiedene Faktoren.

„Unsere Stärke ist es, eine Vorauswahl für den Kunden zu treffen“, erklärt sie. „Wir setzen hauptsächlich auf Kindersachen aus hochwertigen Materialien, oft mit pädagogischem Hintergrund für jede Altersgruppe. Im Internet bekomme ich zwar alles, bin als Kunde aber schnell überfordert. Wir haben geschultes Personal, das umfassend beraten kann, welches Produkt geeignet ist.“

Aber natürlich merkt auch die Geschäftsfrau die Auswirkungen von Amazon & Co.

„Die Kunden erwarten, dass alles von einem Tag auf den anderen und zu einem günstigen Preis verfügbar ist. Am Anfang haben wir uns viele Gedanken gemacht, ob wir diese Dumping-Preise ebenfalls anbieten sollen. Dann haben wir uns aber entschieden, weiterhin so zu kalkulieren, dass wir unsere Miete und die Mitarbeiter bezahlen können. Schließlich ernährt unser Betrieb bis zu 15 Familien. Es muss möglich sein, dass sich die ganze Arbeit und das Herzblut, das in unserem Laden steckt, auszahlt.“

Einkaufen wird immer mehr zur Gewissensfrage Und es gibt noch andere Aspekte: Die Deutsche Post rechnete an den Tagen vor Heiligabend mit neuen Rekordmengen von über elf Millionen Paketsendungen täglich (normalerweise sind es rund 4,6 Millionen). Der Großteil entfällt natürlich auf den Onlinehandel. Mal ganz abgesehen von den Arbeitsbedingungen für die Angestellten in der Herstellung und Zulieferung, die immer wieder angeprangert werden: Kaum einer ist sich bewusst, was das auch für die Umwelt bedeutet. In der Theorie ist der Onlinehandel umweltfreundlicher als der Einzelhandel, schließlich bestellt man ja und fährt nicht mit dem Auto in die Stadt. Jedoch: Je mehr Pakete bestellt werden, desto mehr Lieferdienste sind auf den Straßen unterwegs. Manchmal muss der Zusteller zwei-, bis dreimal kommen, oder es wird erst mal nur ein Teil der Bestellung geliefert – entsprechend vervielfachen sich die Emissionen. Schlimmer noch, wenn der Adressat gar nicht da ist, und auch kein Nachbar das Paket annehmen möchte. Dann fährt der Kunde mit dem Auto zur Post, was auch noch Zeit kostet (die man ja eigentlich einsparen will). Und der schlimmste Umweltfeind: Mehr als jedes zweite Paket wird zurückgeschickt (weil z.B. die neuen Schuhe nicht passen) – und das Ganze geht von vorne los.

„Ich kaufe deswegen auch lieber im Laden um die Ecke“, betont Carolin Espe, Communications Managerin und Mutter eines einjährigen Sohnes. „Hier in Karlsruhe gibt es eine verhältnismäßig große Anzahl an Einzelhandelsgeschäften für Kinder. Dort kann ich mich beraten lassen, kann das Produkt begutachten und weiß sofort, ob es für meine Kinder geeignet ist. Hätte ich es im Internet bestellt, müsste ich es ansonsten aufwändig zurückschicken.“

Bisher hatte der Einzelhandel hier noch immer die Nase vorn: Man kann ein Produkt anfassen, bevor man es kauft. Prüfen, ob es sich bei der Froschorgel, die sich das Kind so dringend wünscht, um ein Billigplastikprodukt handelt oder die Qualität stimmt. Doch auch das ändert sich: Im vergangenen September eröffnete in New York das erste Amazon-Geschäft „Amazon-4 Star“, in dem man die beliebtesten Produkte der Website vor Ort kaufen kann. Einkaufen wird also immer mehr zur Gewissensfrage: Möchte ich tatsächlich noch mehr Daten von mir preisgeben, um endgültig zum gläsernen Kunden zu werden? Möchte ich mit meinem Online-Einkauf dafür verantwortlich sein, dass die Umwelt weiter belastet wird, und dass inhabergeführte Geschäfte aussterben? Diese Fragen muss jeder für sich beantworten – und mit jedem Geschenk diese Entscheidung neu treffen. Carolin Espe hat das schon hinter sich.

„Ich kaufe regional, auch wenn ich mal zwei, drei Euro mehr bezahle. Schließlich hängen an meinem Kauf Existenzen.“