aus aktuellem Anlass

Einmal ist keinmal – Wirklich?

Kann Fehlverhalten auch nachhaltig sein?

Gerhard Spitzer, der bekannte Wiener Verhaltenspädagoge und Autor von Top-Sellern wie „Entspannt Erziehen“ und „Warum zappelt Philipp?“, hat mit seiner humorvollen und konsequent kindgerechten Sichtweise schon zahllosen Eltern zu einem entspannteren Umgang mit ihren Kindern verholfen. Einer breiten Hörerschaft ist Spitzer durch seine Hörfunk-Live-Talks, sowie mit seinem erfolgreichen Seminarkabarett, „Kinder im Tyrannenmodus“ bekannt geworden.

Die Frage, mit der wir uns dieses Mal beschäftigen ist: Merken es sich Kinder eigentlich gleich beim ersten Mal, wenn sie erfolgreich eine Grenze übertreten haben? Und wenden Sie das dann auf Dauer bei uns Eltern an? Selten darf man als Pädagoge so eine klare Antwort geben, weil in der Erziehung nichts bloß schwarz oder weiß ist: „Ja! Tun sie!“

Einmal ist keinmal – Einmal ist alles

„Einmal ist keinmal“ ist ein beliebtes altes Zitat in unser Erwachsenenwelt. In der Welt der Kinder würde sich dieser weise Spruch so anhören: „Einmal ist alles!“ In der genetisch programmierten Wahrnehmungsweise unserer Kinder ist es eben fix verankert, sich einmal erfolgreiche Strategien ganz schnell, meistens sofort einzuprägen.

Es ist also ein ganz normaler Vorgang, dass ein Fehlverhalten schon nach dem allerersten Erfolg gar nicht mehr als „falsch“ wahrgenommen wird. Es ist jetzt eigentlich mehr ein „berechtigtes“ Einfordern: „He! Du hast du beim ersten Mal gar nichts gesagt! Das heißt für mich: du hast es erlaubt, also warum regst du dich jetzt so darüber auf?“ So denkt auch dieser notorische Wiederholungstäter …

Tischmanieren

Der neunjährige Stefan räumt seinen Teller nach dem Essen nicht weg. Seit neuestem schiebt der Frechdachs das Teil samt Essensresten gleich seiner kleinen Schwester hinüber und trollt sich in sein Zimmer.

Die genervte Mutter beschließt, ihren kleinen Teller-Tyrannen heute dafür „zurecht zu stutzen“. Doch die Gute ist schon mittendrin im hausgemachten Fehlverhalten. Als gestandene Karlsruher Kind Fans ahnen Sie sicher schon, warum…

Klar: in den letzten Wochen hat Stefan diese Grenze auch schon mehrmals ausgetestet, aber da hat Mami kaum etwas dazu gesagt. Als ich diese Vermutung klar anspreche, geht Stefans Mutter erstmal in die Verteidigungsposition: „Ich hab es ihm doch schon hun-dert-mal gesagt!“ Ja gut! Und dann? Kein Durchziehen? Keine logischen Folgen für den schlimmen „Wiederholungstäter“?

Wenn es also keine konkreten Folgen gibt, heißt es für die kindliche Wahrnehmung ganz automatisch: „Gut so! Weitermachen! Grenze erfolgreich ausgetestet!“

Jetzt reichts

Erst heute geht Stefans Mutter das untragbare Tisch-Verhalten Ihres Sohnemanns endlich mächtig genug auf die Nerven, dass sie etwas ändern will: es reicht ihr eben! Allerdings: mit dem vorhin geplanten „Zurechtstutzen“ wird das jetzt leider nicht mehr funktionieren, weil das in jedem Kind augenblicklich einen ebenso uralten, wie mächtigen Instinkt wachruft: Abwehr.

Während der jetzt wohl folgenden heftigen Standpauke wird der Bub vielleicht denken: „Warum jetzt auf einmal, wo es schon eine Weile null Probleme mit dem blöden Teller gibt?“ Aussprechen wird er das – wie fast alle Kinder – allerdings wohl kaum. Seine mögliche, typisch kindliche Abwehrreaktion wird ziemlich sicher eher so ausfallen: „Im-mer schimpfst du nur mit mir!“ Im Kombipack gibt’s dazu gratis einige handlungsorientierte Draufgaben: Wegrennen ins Kinderzimmer; Rumms! Tür zu; Schmollstunde; Einsicht null; Nachhaltigkeit fürs nächste Mal: minus Null.

Geht das überhaupt?

Das aktuelle Ergebnis: Der Teller steht immer noch auf dem Tisch: „Na gut! Dann räume ich das Ding halt selber weg!“, denkt die Mutter resigniert. Soeben hat sie sich in einer der Fallen hineinmanövriert, die ich augenzwinkernd auch in meinem aktuellen buch „Das Neue Entspannt erziehen“ beschreibe.

Hand aufs Herz: hätte Sie gedacht, dass eine alltägliche Situation wie diese eine solch tiefgehende Dauerwirkung auslöst? Willkommen auf dem Planeten der wundersamen kindlichen Denkweisen …

Erwartungen

Manchmal frage ich mich, was Eltern sich eigentlich erwarten, wenn sie plötzlich emotionale Strafpredigten loslassen, nachdem sie bei einem bestimmten Fehlverhalten schon längere Zeit zugesehen haben, egal ob nun mit oder ohne Dauer-Ermahnungen. Vielleicht so etwas wie das: „Oh, ja Mama! Das mit dem Teller und meiner unerträglichen Faulheit ist mir auch schon aufgefallen! Danke dass du mich jetzt angebrüllt hast. Dadurch ist mir gerade bewusst geworden, dass ich es schon seit drei Wochen falsch mache! Also, noch mal: Danke Mom! Und entschuldige bitte!“ Viel weiter weg vom Planeten der Kinder könnte man sich wohl kaum noch entfernen!

Persönlich wichtig

Ein spannender Blickwinkel ist dieser: wenn Sie ein Fehlverhalten ihres Kindes nicht möchten, klären Sie für sich, ob es Ihnen persönlich wirklich wichtig ist. Wenn das zutrifft, ist es nicht nur ihre Pflicht, sondern auch ihr gutes Recht, das klar und deutlich zu transportieren: „Kind, wir ziehen das jetzt durch, weil mir das einfach wichtig ist!“ Bitte finden Sie für diesen „wichtigen Transport“ ihren eigenen Wortlaut.

Aus dem Blickwinkel der Nachhaltigkeit: Wenn man ein Fehlverhalten bloß immer wie-der nur kommentiert, ohne eine spürbare und somit nachhaltige Konsequenz zu setzen, transportiert man damit ganz automatisch: „Es ist mir persönlich eigentlich gar nicht so beson-ders wichtig! Ich mache es sowieso lieber selber!“ Der Kreis hat sich geschlossen.

Entspannende Tipps

Sofern Sie auf ein Fehlverhalten bereits mehrere Male nicht reagiert haben, dürfen Sie keinerlei Wohlverhalten erwarten. Deshalb hat es auch gar keinen Sinn „blanke Nerven“ zu zeigen! Lassen Sie sich nicht dazu hinreißen, nach all den Wiederholungen plötzlich impulsiv böse zu werden! Das kann Ihr Kind gar nicht nachvollziehen.

Der Ton macht’s: Sie könnten die Sache völlig entspannt, sogar humorvoll vortragen: „Hallo, du kleiner Schelm! Hast mich schon wieder reingelegt! Steht da unten auf dem Tisch nicht immer noch ein Teller rum?“ Wie wär’s einmal mit wortloser Körpersprache? Teller anschauen, darauf zeigen, Augenkontakt, Bewegung des Wegtragens vormachen, usw. Das vermittelt sowohl Sicherheit als auch Wichtigkeit. Zu viele Worte machen oft vieles kaputt.

Bei vorheriger Ankündigung könnte nächstes Mal durchaus ein Pappteller oder bloß ein einsamer Löffel vor dem kleinen Faulpelz liegen. Probieren Sie dieses pfiffige Vorgehen doch ruhig einmal aus.

Sie werden es mögen!