aus aktuellem Anlass

Der Dalai Lama im Interview mit Journalist Franz Alt

über die Entwicklung innerer Werte und eine weltweite Ethik

Der 14. Dalai Lama im Gespräch mit Franz Alt: „Wir sollten größeren Wert auf innere Bildung und auf moralische Werte legen.“

„Ethik ist wichtiger als Religion“

Franz Alt: In den USA regiert Präsident Trump nach dem Motto „America first“ und „Make America great again“. Ist dieses Motto in den Zeiten der Globalisierung noch zeitgemäß?

Dalai Lama: Wenn der Präsident sagt „America first“, macht er seine Wähler glücklich. Das kann ich verstehen. Aber aus globaler Sicht ist diese Aussage nicht relevant. In der globalen Welt hängt heute alles mit allem zusammen. Amerikas Zukunft hängt auch von Europa ab und Europas Zukunft auch von den asiatischen Ländern. Die neue Realität ist, dass alles mit allem verbunden ist. Die USA sind die führende Nation der freien Welt. Deshalb sollte der US-Präsident mehr nachdenken über das, was für die ganze Welt relevant ist.

Franz Alt: Müsste ein zeitgemäßes Motto nicht eher heißen: „Make the planet great again“?

Dalai Lama: Sicher! Die USA sind noch immer sehr mächtig. Das Motto der Vorfahren der heutigen Amerikaner war Demokratie, Frieden und Freiheit. Die totalitären Regime haben keine Zukunft. Die USA sollte sich als Führungsmacht eng mit Europa verbünden. Ich bin ein Bewunderer der Europäischen Union. Sie ist ein großes und vorbildliches Friedensprojekt. Der Präsident der USA braucht eine Vision. Leider hat Donald Trump den Austritt der USA aus dem Pariser Klimaabkommen verkündet. Dafür hat er sicher seine Gründe. Aber ich unterstütze diese Gründe nicht.

Franz Alt: Trumps Politik und seine Kriegsrhetorik führen zu einer Spaltung in den USA und in der Welt: Einer Spaltung zwischen schwarz und weiß, zwischen Amerikanern und Ausländern, zwischen Demokraten und Republikanern, zwischen arm und reich. Können die Religionen helfen, diese Spaltung zu überwinden?

Dalai Lama: Ja, in einem gewissen Grad. Aber grundsätzlich sollten religiöse und nichtreligiöse Menschen heute zusammen arbeiten. Die Religion allein schafft es nicht, diese Spaltungen zu überwinden. Mein favorisiertes Konzept ist die Herzensbildung und die Herzenserziehung – das was ich in unserem gemeinsamen Buch „die säkulare Ethik jenseits aller Religionen“ nenne. Damit meine ich: Die Einheit der Menscheit und globales Denken über die Zukunft der Welt.

Bei der Klimaerhitzung oder bei der globalen Wirtschaft gibt es keine nationalen Grenzen. Auch keine religiösen Grenzen. Jetzt ist die Zeit gekommen, zu verstehen, dass wir EINE Menschheit auf EINEM Planeten sind. Ob wir es wollen oder nicht: Wir müssen miteinander leben. Geschwisterlich zusammenleben ist der einzige Weg zu Frieden, Mitgefühl, Achtsamkeit und mehr Gerechtigkeit. Wenn wir voller Hass, Angst und Zweifel sind, bleibt die Tür zu unserem Herzen verschlossen und jeder kommt uns verdächtig vor.

Das Traurige ist, dass wir dann den Eindruck bekommen, andere wären genau so misstrauisch uns gegenüber. So wird die Distanz zwischen uns selbst und den Anderen immer größer. Diese Spirale fördert Einsamkeit und Frustration. Wenn wir aber friedlich zusammen leben, arbeiten sogar unsere Körperzellen besser. Ein aggressives Gemüt bringt auch unseren Körper ins Ungleichgewicht.

In Unfrieden mit sich und anderen leben, ist nicht intelligent und nicht gesund. Über die Entwicklung unserer inneren Werte besteht aber auch immer die Möglichkeit, dass wir glückliche Menschen werden, eine glückliche Familie haben und in einer glücklichen Gesellschaft leben.

Franz Alt: Auch in Europa spielt der Neo-Nationalismus eine immer größere Rolle. Warum spielen Religionen in westlichen Ländern eine immer geringere Rolle?

Dalai Lama: Neo-Nationalismus ist ein ernstes Problem in vielen Nationen. Es ist zunächst einmal logisch, dass die vielen Nationen sich um ihre eigenen Belange kümmern. Die Europäische Union ist ein gutes Beispiel für gelungene internationale Zusammenarbeit. Nach Jahrhunderten der Kriege und des gegenseitigen Abschlachtens hat in den letzten 60 Jahren keine einziges Land der Europäischen Union gegen ein anderes Krieg geführt.

Die Geschichte lehrt uns: Wenn Menschen nur ihre nationalen Interessen verfolgen, gibt es Streit und Krieg. Das ist kurzsichtig und engstirnig. Das ist überholt. Die Zukunft einzelner Nationen hängt immer auch von den Nachbarn ab – davon, dass es auch ihnen gut geht. Die USA hängen von Europa ab, Europa von Asien und Afrika und umgekehrt. Das ist heute anders als in der Vergangenheit. Die einzelnen Nationen müssen sich auch um ihre Nachbarn kümmern. Das ist die neue Realität unserer Zeit.

Franz Alt: Sie verkünden hier ein Anti-Trump-Programm. Was können die reichen Länder tun, um die Flüchtlingskrise zu bewältigen? Sie sind ja einer der ältesten Flüchtlinge der Welt.

Dalai Lama: Die Politik muss Mitgefühl für Menschen in Not zeigen. Migranten dürfen nicht diskriminiert werden. Ein paar Tausend Flüchtlinge jedes Jahr sind kein Problem für die reichen Länder. Deutschland hat in den letzten zwei Jahren sogar über eine Million Flüchtlinge aufgenommen, was ich sehr begrüße. Aber eine Million geht nicht jedes Jahr. Die reichen Länder haben die moralische Pflicht, Flüchtlingen zu helfen, ihnen Unterkunft, Nahrung und Bildung anzubieten.

Aber auf lange Sicht sollten die Flüchtlinge wieder zurückkehren und ihre Heimat aufbauen.  Die junge Flüchtlingsgeneration kann in den Industrieländern Berufe und neue Technologien lernen. So können die USA oder Deutschland ganz konkrete Entwicklungshilfe leisten. Nehmen Sie die 100.000 tibetischen Flüchtlinge, die mit mir nach Indien geflohen sind. Die Mehrheit von ihnen will gar nicht dauerhaft außerhalb Tibets leben. Niemand verlässt freiwillig für immer seine Heimat.

Vor Kurzem sagten Sie: „Meine Hoffnung und Wunsch sind es, dass sich formale Bildung mehr der, ich nenne es Herzensbildung, widmet.“ Was ist Herzensbildung?

Dalai Lama: In wenigen Worten: Liebe, Mitgefühl, Gerechtigkeit, Vergebung, Sorgfalt, Toleranz und Frieden. Diese Bildung ist nötig, vom Kindergarten bis zur Oberschule und zur Universität. Ich meine damit soziales, emotionales und ethisches Lernen. Heutzutage brauchen wir eine weltweite Initiative, um Herz und Geist zu bilden. In der Universität von Atlanta (USA) haben wir ein solches Programm gestartet mit sehr guten Ergebnissen: Die Studenten haben nun weniger Stress, sie sind weniger gewalttätig, sie können sich durch Meditation besser konzentrieren.

Franz Alt: Aber solche Werte verlieren an Bedeutung. Wie kann dieser Prozess umgekehrt werden?

Dalai Lama: Unsere heutige Bildung ist hauptsächlich an materiellen Werten und an Verstandesbildung orientiert. Aber die Realität zeigt, dass wir mit dem Verstand allein nicht zur Vernunft kommen. Wir sollten größeren Wert auf innere Bildung und auf moralische Werte legen. Die Religionen allein reichen dafür nicht mehr. Jetzt ist eine globale säkulare Ethik wichtiger als die klassischen Religionen.

Wir benötigen eine globale Ethik, die sowohl gläubige wie nichtgläubige Menschen, also auch Atheisten,  akzeptieren können. Ganz aktuell sieht man das in Burma, wo die buddhistische Mehrheit Gewalt gegen die muslimische Minderheit verübt. Dahinter steckt ein Mangel an inneren Werten. Deshalb haben die Religionen an Überzeugungskraft verloren. Intoleranz ist immer der falsche Weg. Intoleranz führt zu Hass und Spaltung.

Schon unsere Kinder sollten mit der Idee aufwachsen, dass für jegliche Konflikte Dialog und nicht Gewalt der beste und praktikabelste Weg zur Lösung ist. Die jungen Generationen haben die große Verantwortung, sicherzustellen, dass die Welt ein friedvollerer Ort für alle wird. Das kann aber nur Wirklichkeit werden, wenn unser Bildungssystem nicht nur das Gehirn ausbildet, sondern auch das Herz.

Das Bildungssystem der Zukunft sollte auf der ganzen Welt mehr Wert darauf legen, menschliche Kräfte wie Herzenswärme und Liebe zu stärken. Der eigentliche Sinn unseres Lebens, den wir alle verfolgen, ob mit oder ohne Religion, ist es, glücklich zu sein.

Tenzin Gyatsoist der 14. Dalai Lama im tibetischen Buddhismus und gilt damit als geistliches und politisches Oberhaupt der Tibeter. Der mittlerweile 82-Jährige, der 1989 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, ist in der westlichen Welt als moralische Autorität anerkannt und genießt einen Ruf als Botschafter des Friedens, der auch politisch Stellung bezieht und das Gespräch mit Regierungschefs wie Kanzlerin Angela Merkel (2007) oder dem früheren US-Präsidenten Barack Obama (2014) gesucht hat.

Dieses Interview führte Franz Alt (www.sonnenseite.com) mit dem Dalai Lama für ein gemeinsames Buch.

Dalai Lama (Autor) „Der Appell des Dalai Lama an die Welt – Ethik ist wichtiger als Religion“, Franz Alt (Hrsg.), Benevento Verlg, gebundene Ausgabe 2015, 76 Seiten, ISBN 978-3-7109-0000-6, 4,99 EUR.