Baby auf dem Arm

Grafik: Günther Land

Neulich hatte ich ein Baby auf dem Arm. Schön war das. So heimelig, vertraut und herzerwärmend, dieses kleine Wunder Mensch. Es schlief und ab und an spielte um sein Mündchen ein engelsgleiches Lächeln. Hinreißend!

Doch nichts hat ewigen Bestand und so wand sich das kleine Bündel schon bald gequält von Hungergefühlen oder sonst einem Unbill in Windel oder Bauch in meinen Armen und weinte kläglich dazu. Und sofort war es wieder da, das Ohnmachtsgefühl von damals. Blitzartig fielen mir all die durchwachten Nächte ein, die Sap-Simplex-Familienpackungen und die Schlafrituale im Morgengrauen. Unsere Kleinfamilie hangelte sich geduldig durch den Drei-Monats- Kolik-Alltag unseres ersten Kindes, um an dessen Ende festzustellen, dass Zeit relativ ist. Unsere persönliche Bauchwehphase dauerte noch um einiges länger als die versprochenen zwölf Wochen. Es ist eben nicht immer drin, was drauf steht.

Mütter sahen in der einschlägigen Fachliteratur immer erholt und voller Glückshormone aus. Schwangerschaft und Geburt schienen selbstver ständlich und natürlich zu verlaufen. Das rosige Resultat weniger Stunden freudvoller Niederkunft schlummerte von Anbeginn seines Erdendaseins im Ton in Ton gehaltenen Kinderzimmer und meldete sich nur zu drei speziellen Anlässen: Hunger, Windel oder Schmusebedarf. Die restliche Zeit des Tages verbrachte die stets nach der neuesten Mode gekleidete Mutter damit, ihre Figur wieder in Form zu bringen und sich mit anderen Müttern auszutauschen. Nicht dass ich diesen Alles-Wird- Gut-Büchern und Elternzeitschriften wirklich auf den Leim gegangen wäre, aber wenn man etwas immer und immer wieder liest…

Um es kurz zu machen, mein Mutteralltag sah diametral anders aus. Außer der Schwangerschaft im Glück erkannte ich mich in keinem Punkt in den Hochglanzmuttis wieder. Drei Tage nach der narkotisierten Ewig-Niederkunft schlich ich mit Infusionen am Arm über die Frauenklinikflure, als mich eine Mitpatientin mit ungenierten Blick auf meinen Bauch nach dem baldigen Geburtstermin fragte, ein erwartungsvolles Lächeln auf den Lippen. Ich verwies auf das 58-cm-Kerlchen im Säuglingszimmer und verabschiedete mich freundlich.

Es folgte eine Zeit der Unsicherheit: Warum weint das Kind ohne Unterlass, weshalb in ich am Nachmittag noch im Schlafanzug, wieso hat mein Bügelberg ein Gipfelkreuz? Doch was wiegt solche logistische Misswirtschaft gegen das Strahlen eines Babys, das jedes Elternherz zum Fließen bringt? Die stillen Momente mit dem trinkenden Säugling auf dem Arm, der in seinem wachen Blick alles Vertrauen dieser Welt vereint, gehören zum Schönsten, was mir widerfahren ist.

Im Nachhinein denke ich, es wäre besser, man würde die zweiten und alle nachfolgenden Kinder als erstes bekommen. Wie belastbar, gelassen und ausgeglichen wäre so manche Mutter und damit auch das Baby, wenn diese Regelung Schule machen würde. Ebenso verhält es sich mit den Schlafgewohnheiten. Ein unstillbares Schlafbedürfnis der Mutter auf der einen Seite begibt sich in eine zeitliche Deckungsgleichheit mit dem Schlafenlernen des Säuglings auf der anderen Seite. Das Ergebnis kann nur chinesische Schlaffolter sein. Kaum kehrt man den Augapfel nach innen, kommt einer und steckt ein Streichholz unters Augenlid. Mit ausgebranntem Blick stolpert man dann zombiegleich durch den Tag und Dreiviertel der Nacht. Erstaunlich, dass diese ersten unter chaotischen Bedingungen verlaufenen Wochen keinen bleibenden Schaden bei den Kindern anrichten. Denke ich an die erste Babyzeit unserer Kinder zurück, bin ich froh, heute nicht mehr volle 24 Stunden täglich für solch ein kleines Wesen verantwortlich zu sein und es getrost in mütterliche Arme weiterreichen zu dürfen, sobald das Zeitbömbchen Laut gibt.

Doch wenn ich‘s recht bedenke, hat sich so viel nicht verändert: Ich bin immer noch 24 Stunden Ansprechpartnerin für unsere Jungs, ob man sie nun um 23:00 Uhr bei irgendwelchen Freunden abholt oder eine Runde um den Block fährt, damit sie endlich in den Schlaf finden können, bleibt sich gleich: Man fährt Auto statt zu schlafen.