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Angst geht viral!

Unser Kolumnist Gerhard Spitzer beleuchtet die Frage, wie sich die Pandemie-Angst auf unsere Kinder auswirken könnte

Im Hier und Jetzt sein!

Das ist eine althergebrachte Formel für Erdung und Lebensfreude. Schon klar! Aber hier und jetzt erscheint mir gerade nicht so wahnsinnig prickelnd zu sein! Denn es ist geprägt von augenscheinlich absolut tödlicher Virusgefahr, verbunden mit massiven Einschränkungen bis hin zum völligen gesellschaftlichen Stillstand und einem Gefühls-Klima, das man eben nur mit einem Wort beschreiben kann: Massen-Hysterie!

Auch, wenn das Hysterie-Management in Deutschland, Österreich und auch anderswo erstaunlich „gesittet“ abläuft, man kann den Zustand dennoch nicht schönreden: Bis auf gefühlt eine Handvoll sehr entspannter Leute, zu denen – wir bitten offiziell um Nachsicht – auch meine Leute zählen, haben die allermeisten Familien schlichtweg Todesangst. Die moderne Welt befindet sich nicht nur nach außen hin in einer geradezu grotesken Schockstarre, auch nach innen sieht es in erschreckend vielen Menschen so aus: Sie sind vollkommen erstarrt. Und das wirkt sich eben leider auch auf das „Innen“ unserer Kinder aus. Massiv sogar, wenn Sie mich fragen!

Zuschauer

Unsere liebe Kleinen sehen uns nämlich ganz genau zu, wenn wir uns plötzlich weigern, vormals noch geschätzte oder gar geliebte Hände zu schütteln. Kinder spüren es nur allzu deutlich, wenn Eltern in Angststarre verfallen sind! Gut, der Schaden durch das todbringende kleine Mikroben-Dings mit der Nummer 19 mag unfassbar groß sein oder – vielleicht aber auch, in ein paar Monaten betrachtet – sogar erstaunlich viel geringer, als aktuell postuliert. Aber der Schaden in den Gemütern und in der Erlebenswelt unserer Kinder wird wohl eher bleibend sein.

Stiche ins Herz

Ich begegne Gerlinde, unserer Nachbarin. An der Hand führt sie ihre sonst immer quirlige und stets plappernde sechsjährige Tochter, Babsi. Gerlinde klingt ängstlich: „Sie schreiben doch für ein paar Zeitungen! Sollte man die jetzt nicht besser alle einstellen, weil man sich doch auch mit dem Papier anstecken kann, oder?“

Der furchtsame Blick der jetzt nur noch still dastehenden Kleinen von schräg unten in Richtung Mama versetzt mir einen scharfen Stich und lässt mich – man verzeihe mir bitte ein weiteres Mal – an meiner Mutter alten Spruch denken: „Reden ist Silber, Schweigen …!“

Fall zwei: In der Vorwoche, als „gefährliche Zusammenkünfte“ noch erlaubt waren, treffe ich zwei meiner ältesten Freunde nebst deren Familien mit drei Kindern zwischen fünf und neun Jahren: Freudig reiche ich Richie, meinem besten Kumpel meine Hand. Doch der weicht augenblicklich in großem Bogen vor mir zurück, verzieht dabei gequält das Gesicht! Melanie, die Frau von Stoffel, dem anderen Freund tut es ihm gleich. Und dann die Kinder: Sonst fallen sie mir immer um den Hals, oder es gibt zumindest fette, manchmal brutal feste Umarmungen, weil sie mich einfach mögen, die Racker! Aber diesmal: nichts da!

Ich bin mit vielen Wassern gewaschen, glauben Sie mir, aber dieses du-könntest-ja-gefährlich-sein-Verhalten meiner allerbesten Freunde, und vor allem die etwas gehetzt wirkenden Blicke der Kinder haben mir die nächsten heftigen Stiche in mein Herz versetzt. Da kann einem schon die Lust an weiteren Sozialkontakten vergehen! Virusseidank!

Angstbestimmung

Ich frage mich oft: merkt es denn keiner, dass wir aktuell außer von etwas zu viel Luxus und Wohlstand, hauptsächlich von Ängsten umgeben und „bestimmt“ werden? Wir haben Angst vor Terrorismus, vor Zuwanderung, vor Abwanderung, vor Schulden, Finanzkrisen, Überflutungen, Klimawandel und jetzt eben vor absolut tödlichen Viren.

Wie gesagt: Alles gut! Mag ja sein, dass es an der Zeit war, medizinisch und gesellschaftlich mal so einen massiven Reset zu veranstalten. Aber für die Kinder, unsere so sensiblen und extrem aufnahmefähigen kleinen Kopien ist das fatal: Sie wachsen in unserer erwachsenen Welt der allgegenwärtigen Ängste auf und können diesen Stimmungsbildern kaum entfliehen! Die Gefahr ist jedenfalls gegeben, dass viele von ihnen später zu eher ängstlichen jungen Erwachsenen werden.

Praxis-Anwendungen

Deshalb scheint es mir wichtiger denn je, unseren Kindern freudig eine vielleicht bald wieder virusfreie Zukunft zu verkaufen und nicht die Angst vor dem jetzigen Zustand. Wir müssen darauf achten, unseren Kindern zu vermitteln, dass wir auch Krisen mit einer weitgehend entspannten und vernünftigen Denk- und Handlungsweise begegnen können.

Deshalb habe ich im Anschluss für Sie, liebe Freunde des garantiert berührungssicheren KARLSRUHER KIND, einige „Praxis-Anwendungen“ vorbereitet. Zum Einstimmen empfehle ich jetzt gleich, Ihren Liebling im Kinderzimmer aufzusuchen, und sie/ ihn gerade jetzt ganz nahe an sich heranzuholen. Jetzt ist Ihre Einfühlsamkeit gefragt, mit der Sie Ihrem Kind wieder ein befreites Lächeln auf sein Gesicht zaubern. Vielleicht mit einer kindgerechten Zukunfts-Aussicht: „Was willst du denn gerne machen, wenn wir drinnen und draußen wieder alles unternehmen dürfen?“ Schauen Sie bitte jetzt mal genau auf das Mienenspiel Ihres entspannten Kindes!

Sie werden es mögen!

Der bekannte Wiener Verhaltenspädagoge und Erfolgs­autor Gerhard Spitzer, Autor von „Entspannt Erziehen“ schreibt seit 2010 seine Kolumne exklusiv für das KARLSRUHER KIND


TIPPS

• Schalten Sie doch bitte das allgegenwärtige Fernseh-Teil und dessen viele Schreckensnachrichten mal für zwei Tage aus und atmen Sie familienumfassend durch.

• Ändern Sie bitte nicht das Verhalten Ihrer(s) Kind(er) durch weit übertriebene, oder gar zwangsverordnete Hygienemaßnahmen.

• Schenken Sie Ihren Kindern gerade in diesen Wochen mehrere Extraportionen Umarmungen und Kuschel-Sessions.

• Im engsten Familienkreis sollte gerade jetzt auch unter Erwachsenen Nähe und Offenheit vermittelt werden.

• Reden Sie bitte nicht fortwährend über die Virussituation.

• Laufen Sie bitte nicht beispielhaft mit Atemmasken herum, das kann Kindern echt Angst machen und ist außerdem sowieso wirkungslos.

• Suchen Sie kindgerechte und lustige Themen und möglichst viele Spiele für die langen Tage daheim aus

• Machen Sie gerade jetzt viele spannende Zukunftspläne gemeinsam mit Ihren Kindern.

• Zeigen Sie bitte gerade jetzt Gelassenheit und Zuversichtlichkeit. Es wird sich später lohnen!