Heimat – Editorial November 2017

Liebe Leserinnen und liebe Leser,
es gibt ein neues Modewort: „Heimat“. Kein Politiker, der es in seinen Reden weglassen würde, egal welcher Couleur, kein Politik-Talk im Fernsehen, ohne dass dieses neue Zauberwort fällt.
Wir Karlsruher waren – wie meistens – unserer Zeit weit voraus. Schon 1986 gab es in der Fächerstadt erstmals „Badische Heimattage“. Seinerzeit, wie auch in diesem Jahr wieder, ein voller Erfolg, obwohl der Begriff damals in der 80ern ein „no go“ war. Heimat war verknüpft mit ewig gestrigen „Heimatvertriebenen“, Spießigkeit und dem Mief der völkischen Vergangenheit.
Dass der Begriff gerade wieder hochkocht, scheint mir eindeutig an der Verunsicherung durch die immer umfassender werdende Globalisierung zu liegen. Die Suche nach Geborgenheit im Bekannten und Vertrauten findet wohl eher unbewusst statt. Wir wissen die Vorteile der Globalisierung nämlich durchaus zu nutzen. Bei Ausbildung und Beruf, aber auch bei ganz alltäglichen Einkäufen nutzen wir den Vorteil quasi auf der ganzen Welt zu Hause zu sein. Auch dass uns bei der Suche nach Informationen das Wissen der ganzen Welt zur Verfügung steht, nutzen wir ganz selbstverständlich.
Was auf der Strecke bleibt, ist der Überblick, wir leiden unter der Anonymität. Nicht zuletzt deshalb sind auch die verschiedenen social-media-Angebote so beliebt. Wir versuchen meist unbewusst, uns dort eine virtuelle Heimat unter Gleichgesinnten zu schaffen. „Heimat ist dort, wo mich der Postbote namentlich grüßt“ sagt die Entertainerin Ina Müller. Das scheint es auf den Punkt zu bringen. Dort, wo unsere realen Freunde, unsere Bekannten leben, letztlich wo unser Netzwerk funktioniert, da ist Heimat. Da, wo wir noch mit dem Fahrrad ins Fachgeschäft fahren können und gut beraten werden, wo das Läuten der Kirchenglocken vertraut klingt…
„Wir dürfen diesen Begriff nicht der AfD überlassen“, sagte neulich ein Politiker. Recht hat er! Wir müssen unseren Kindern, die noch mehr in einer globalisierten Welt aufwachsen, als wir es taten, die Sicherheit und Geborgenheit der direkten Umwelt bewusst machen und ihnen dadurch Halt vermitteln in einer Welt, die sich immer schneller zu drehen scheint. Reale Kontakte fördern, virtuelle nach Möglichkeit ein wenig bremsen. Wir sollten vermitteln, dass das Gute oft nahe liegt, auch wenn es manchmal etwas mehr Hirnschmalz erfordert.
Ergänzend möchte ich noch erwähnen, dass die aktuellen Separationsbewegungen nichts mit diesem Heimatbegriff zu tun haben. Im Gegenteil: Das Ziel der Catalanen und der Lega Nord in Venetien und der Lombardei sind eher der Versuch, eine prosperierende Region von der Last des weniger potenten „Restlandes“ abzukoppeln. So sehe ich auch die permanente Nörgelei der Bayrischen Ministerpräsidenten am Länderfinazausgleich.
Jetzt aber erst einmal viel Spaß beim Schmökern in Ihrer heimatlichen Elternzeitung! 

Editorial November 2017 von Karl Goerner