Editorial Juni 2020

Chefredakteur und Herausgeber Karl Goerner

Eigentlich wollte ich diesmal ein großes Fass aufmachen: Eine kritische Betrachtung des Kapitalismus, mit Subventionsforderungen der Großindustrie bei gleichzeitiger Ausschüttung von Dividenden und Boni. Aber dann kam dieses Wort und ich habe alles umgeworfen: „Mama, ich hab’ so Freundeweh!“ hat neulich ein Kind zu seiner Mutter gesagt. Was für eine schöne Wortschöpfung eines Achtjährigen, analog zu Heimweh. Dieses Wort zeigt, dass unsere Kinder oft mindestens genau so unter der Corona-Situation leiden wie Eltern von Kindergartenkindern, die 24/7 die Betreuungssituation erleben oder die an der monatelangen Kombination von Haushalt, Homeoffice und Homeschooling zu zerbrechen drohen.

Kleinere Kinder verstehen meist nicht, warum auf einmal alles anders ist, größere sehen in den Nachrichten, wie Menschen –manchmal auch mit Kindern – an „Hygiene-Demos“ teilnehmen und verstehen auch nicht, warum sie nicht raus dürfen und auf den alleinigen Kontakt mit den Eltern zurückgeworfen sind. Nicht mal Oma darf man besuchen, die die Situation (zumindest in sehr hohem Alter) oft auch nicht versteht.

Das untenstehende Graffity auf dem Gehweg in der Nachbarschaft ist vermutlich ein Ergebnis einer Erzieherin, die sich Gedanken gemacht hat. Die notbetreuten Kinder in der Kita fragen nach ihren Spielkamerad/-innen. Dann geht man eben mal am Wohnhaus der vermissten Kids vorbei und malt eine Nachricht auf die Straße. Das freut auch das Kind zuhause und hilft vielleicht ein bisschen bei der Bewältigung der Sehnsucht nach Normalität.

Eltern stehen in diesen Tagen vor der schwierigen Aufgabe, den Kleinen möglichst viel Normalität zu erhalten und den Großen eine komplizierte Situation zu erklären, die offensichtlich auch viele Erwachsene nicht verstehen (siehe Verschwörungstheoretiker und „Grundrechte-Demonstranten“). Aber es scheint sich ja langsam alles zu normalisieren..

Wir wünschen Ihnen, dass Sie und Ihre Lieben gut durch diese Zeit kommen. Aber jetzt erst einmal viel Spaß beim Schmökern in Ihrem neuen KARLSRUHER KIND, leider situationsbedingt immer noch fast ohne Veranstaltungskalender.