Editorial Juni 2017

Herausgeber und Chefredakteur Karl Goerner

Liebe Leserinnen und Leser,

„Draußen nur Kännchen!“ Wenn Sie mir diesem Satz noch etwas anfangen können, sind Sie echt alt. Mein 50-jähriger Mitarbeiter kannte diese Aussage nicht mehr..

Editorial Juni 2017: Meine Oma war immer stinksauer, wenn sie diese – meist stressgeplagt und in hektischer Eile vom Kellner im weißen Jackett oder von der Serviererin mit Servierhäubchen im Haar und Schürzchen – zugeraunzte Floskel hören musste. Meine Großmutter war 1882 geboren, zwei Jahre bevor unser Karlsuher Carl Benz sein erstes Patent für ein Automobil angemeldet hat (!).

Wenn Oma und ich – ihr Lieblingsenkel – zum wöchentlichen Stadtbummel aufbrachen, machte sich Oma „stadtfein“. Das hieß: Täschchen und Hütchen passend zu den Schühchen. Und niemals ohne Handschuhe! Im Winter aus feinstem Ziegenleder, im Sommer locker Gehäkelte. Wenn mir heute Jogginganzüge und Leggins in Grüße 48+ begegnen, denke ich wieder an Oma, die sich mit Grausen abwandte, wenn sie nur von Weitem einen „Traininsanzug“ auf der Kaiserstraße erblickte und zwischen den Straßenbahnen auf die andere Straßenseite wechselte. Dann gingen wir ins Regina Non-Stop-Kino in der Hebelstraße mit Dick & Doof, Roadrunner, Tom & Jerry und der „Neuen Deutschen Wochenschau“. Eine Stunde volles Programm, danach begann die Rotation von vorne. Nach zwei bis drei Stunden hatte Oma – ohne erkennbaren Grund – meist genug, und wir gingen ins Ring-Café oder ins Café Jäck (die gibt’s übrigens beide heute noch in der Karlstraße) und ich bekam einen „Kaffee verkehrt“ mit ganz wenig Kaffee und viel Milch. Oma begrüßte Frau Oberstaatsanwalt, Frau Medizinalrat sowie Frau Geheimrat, deren Gatten es zu Meriten gebracht hatten, was ganz einfach auf die Gemahlinnen – durchweg Hausfrauen ohne Ausbildung – übertragen wurde. Auch Oma wurde stets standesgemäß als Frau Generaldirektor begrüßt. Ich achtete darauf, dass meine Gummizug-Krawatte nicht verrutschte und ich nicht mein blütenweißes Nyltest-Hemd mit der Marmelade aus meinem Marzipanschiffchen bekleckerte. (Hätte Oma noch meine spätere langhaarige Parka-Phase mit dem dazugehörigen linken Gedankengut erlebt, sie würde heute noch im Grab rotieren).

Nein! Früher war nicht alles Besser! Aber sich ein wenig „stadtfein“ zu machen, wäre vielleicht gar keine so unzeitgemäße Idee. Karl Lagerfeld, der arrogante Modeschnösel, sagte kürzlich: „Wer im Jogging-Anzug aus dem Haus tritt, hat jegliche Kontrolle über sein Leben verloren“. Man sollte zumindest darüber nachdenken.

Und wenn Sie demnächst Ihre Latte Macchiato auf der Terrasse im Halblitergefäß für 12,50 Euro statt für 5,50 Euro serviert bekommen, dann lächeln Sie einfach mild und denken sich: „Draußen nur Kännchen“ …

Freuen Sie sich jetzt bitte erst mal auf die folgenden Seiten und viele „Kännchen“, weil das Wetter das endlich wieder zulässt!

Viel Spaß beim Schmökern in

Ihrem neuen KARLSRUHER KIND